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    Go regulate yourself! Was die Finanzwelt vom Krypto-Space lernen sollte

    Gigantische Kursschwankungen, digitale Raubzüge, glatter Betrug. Jeden Tag neue Horrormeldungen aus der Welt von Bitcoin, Ethereum und NFTs. Sollten wir Krypto nicht doch lieber verbieten? Oder zumindest streng regulieren? Das scheint naheliegend. Aber wäre es wirklich die richtige Reaktion? Der NFT-Konzeptkünstler @MaxHaarich erinnert uns daran, wie schlecht die alte Finanzwelt ist – und dass es nicht immer Regeln braucht, damit Systeme funktionieren.

    Ein Gastbeitrag von Max Haarich

    „Wann checkt Ihr das endlich? Alles nur Scam. Dieser Bitcoin, dieser DogeCoin und erst recht dieser ganze Quatsch mit den digitalen Affenbildchen. Bei Krypto geht es doch immer nur darum, dass wenige Reiche noch reicher werden auf Kosten der breiten Masse. Diese Krypto-Welt ist echt nur für Idioten und Anwälte.“

    Solche Aussagen höre ich mir regelmäßig an. Immer seltener frage ich die Leute, wie sie zu dem Urteil gekommen sind. In den meisten Fällen haben sie mir verraten, dass sie selbst zwar noch nie etwas mit Krypto-Währungen, NFTs oder anderen Technologien des Krypto-Space zu tun hatten, aber man höre ja wirklich überall, dass Krypto nur Betrug sei. Das hätte sogar der Scholz gesagt. Ja, das stimmt. Der hat sich echt kritisch zu Krypto geäußert. Aber nicht nur er.

    Kontrollieren oder verbieten? Wie steht die klassische Finanzwelt zum Krypto-Space?

    Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendeine Regierung, irgendeine Bank, oder irgendeine Finanzaufsicht völlig ungefragt erklärt, wie gefährlich diese Krypto-Welt sei: ein gesetzloser Raum, wie der Wilde Westen. Wenn du dort betrogen wirst, werde dir niemand helfen können; weder die Bank noch die Polizei könne da eingreifen. Und solche rechtsfreien Räume gehören jawohl verboten!?

    Aber nicht alle Banken sehen Krypto zu 100 Prozent negativ. Manche Banken geben sich fast versöhnlich. Denn die Technologien der Krypto-Welt seien für sich ja gar nicht so verkehrt: digitale Zertifizierung, dezentralen Speicherung, automatisierte Ausführung von Verträgen (und zwar selbst an Feiertagen) – das sind an sich ganz praktische Dinge… wenn man nur diese unfassbare Kriminalität der Krypto-Welt in den Griff kriegen könnte, diese ganzen Ponzi Schemes und Rug Pulls. Entsprechend findet man immer mehr Banken, die kein pauschales Verbot des Krypto-Space mehr fordern, sondern mit einem harten Durchgreifen von Politik und Finanzbehörden zufrieden wären. Da müsste nur mal jemand für Ordnung sorgen!

    Welche AkteurInnen fordern diese Regulierung am lautesten?

    Einige der größten Banken der Welt beteiligen sich an dieser Kampagne. Die US-amerikanische Investmentbank Morgan Stanley, zum Beispiel, bittet öffentlich um schnelle Regulierung, damit der Krypto-Bereich endlich wachsen könne. Genauso formulieren HSBC und UBS, die jeweils größten Banken Großbritanniens bzw. der Schweiz, ihre Hoffnung auf eine baldige Regulierung des Krypto-Space, damit man dort endlich sicher handeln könne. Von Barclays und BNP Paribas findet man ebenfalls offizielle Stellungnahmen und Vorschläge zur Krypto-Regulierung, die im Rahmen öffentlicher EU Consultations bei der Europäische Kommission eingereicht wurden. Und zu guter Letzt möchte ich außerdem auf JPMorgan Chase verweisen, die größte Bank Amerikas. Sie alle fordern mit am lautesten eine Regulierung, um nach ihren Angaben den armen Bitcoin vor der Wertlosigkeit zu retten.

    Und jetzt die Preisfrage: was haben JP Morgan, Morgan Stanley, HSBC, UBS, Barclays und BNP Paribas noch gemeinsam, außer ihrer angeblichen Sorge um die wenigen aufrichtigen Krypto-AnlegerInnen?

    Diese und noch viele anderer Banken stehen unter dem dringenden Tatverdacht, den Cum-Ex-Skandal mitorganisiert zu haben, den möglicherweise größten Betrug aller Zeiten. Dabei haben Banken, Firmen und PolitikerInnen ein System aufgebaut, um sich nie gezahlte Steuer aus der Staatskasse erstatten zu lassen. Über mehrere Jahre wurden allein in Deutschland nachweislich 31,8 Milliarden Euro an Steuergeldern einfach geklaut. Umgerechnet sind das über 380 Euro, die jedem einzelnen Deutschen fehlen, egal ob Krankenschwester, Baby, oder alleinstehendem Hartz-4-Empfänger mit 360 Euro monatlicher Hilfszahlung. Diese Banken wollen uns jetzt vor Krypto-Betrug schützen?

    JP Morgan Stanley möchte ich besonders hervorheben, weil die schon mehrfach wegen illegaler Marktmanipulationen zu Strafen von bis zu 920 Millionen US-Dollar (!) verurteilt wurden. Die sind ExpertInnen im Manipulieren des Goldpreises, auf dem einfach mal die komplette Weltwirtschaft beruht. Und solche Leute warnen uns vor der Kriminalität der Krypto-Märkte? Es fällt nicht schwer, ein niederes Motiv hinter der Regulierungsforderung zu vermuten: je mehr Leute in den Krypto-Space abwandern, umso weniger Leute können solche Banken beklauen…äh, pardon…ich meinte „vor Volatilität beschützen“.

    Riskante Volatilität vs. gesunde Inflation

    Apropos Volatilität. Ja, es stimmt natürlich, dass der Bitcoin seit seiner Einführung absurde Kurssprünge und -abstürze erfahren hat. Es geht rauf und runter, pump & dump. Aber sind die klassischen Fiat-Währungen – also die gesetzlich vorgeschriebenen Zahlungsmittel wie der US-Dollar, das britische Pfund oder der japanische Yen – sind die denn wirklich so viel stabiler und verlässlicher? Absolut! Ihr Wert nähert sich konstant Null. Manchmal schneller und manchmal langsamer, aber todsicher in Richtung Null Komma gar nichts. Dieser Prozess läuft seit der Entkopplung der Fiat-Währungen vom Gold Anfang des letzten Jahrhunderts.

    Go regulate yourself! Was die Finanzwelt vom Krypto-Space lernen sollte

    Jan Nieuwenhuijs

    Beim US-Dollar entstand dadurch bisher ein Wertverlust von ca. 99 Prozent – aktuelle Inflation noch gar nicht einberechnet. Meine 103-jährige Oma hat mir erzählt, dass es in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts mal unglaubliche 10 Prozent Zinsen gab. Das Diagramm zeigt, warum das so war, und warum meine Oma trotzdem gegen die Bank verloren hat. Hätte sie bei ihrer Geburt 1.000 US-Dollar unter ihr Kopfkissen gelegt, wäre heute noch ein Dollar an Kaufkraft übrig. Alles weg. Einfach so. Schöne Grüße von der „gesunden Inflation“.

    Kriminalitätsvergleich Fiat- vs. Krypto-Space

    Aber ist das kleinere Übel nicht trotzdem noch die bessere Lösung? Den kontrollierten Verlust durch gesunde Inflation gleicht man doch easy mit ein paar Überstunden aus: Ja-ja-ja-jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt! Am Ende ist doch alles besser, als im Krypto-Space zu landen, wo einem jede Sekunde das gesamte Kapital von einem 14-jährigen Hacker geklaut werden kann. Aber ist das wirklich so? Ist der CryptoSpace so kriminell, wie es die Banken und BerufspolitikerInnen ständig wiederholen? Tatsächlich sind laut dem US Treasury Department satte 2,1 Prozent aller Krypto-Transaktionen illegalen Aktivitäten zuzuordnen. Das ist jede 50. Transaktion bei mehreren Millionen Transaktionen täglich. Da kommt einiges zusammen. Aber nicht so viel wie im Fiat-Space. Da ist der Anteil der kriminellen Transaktionen mit 2,7 Prozent um ein gutes Viertel höher. Batsch.

    Was? Wie? Der unregulierte Krypto-Underground soll weniger kriminell sein als der von Banken und Staaten überwachte Fiat-Space? Würde das nicht unzählige Leute als LügnerInnen entlarven und das Grundvertrauen in unser auf Kontrolle und Bestrafung ausgerichtetes Rechtssystem erschüttern? Vielleicht, zumindest wenn man Europol glauben kann. Und ich persönlich würde das sofort tun.

    Mehr Sicherheit dank Unsicherheit?

    Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass paradoxerweise gerade das Nicht-Regulieren zur Erhöhung der Sicherheit führen kann. Ein einfaches Beispiel ist die Idee des Shared Space aus der Verkehrsplanung, wie hier zu sehen an der neugestalteten Verkehrskreuzung im niederländischen Haren.

    An Kreuzungen mit erhöhtem Unfallaufkommen müsste man doch eigentlich mit weiteren Schildern, Ampeln, Kameras und höheren Strafzahlungen aufrüsten. Mehr hilft mehr. Aber das Gegenteil scheint die Lösung zu sein. Beim Shared Space entfernt man alle Schilder und Straßenmarkierungen und schafft vorsätzlich einen unregulierten Raum. Im Ergebnis fahren die Leute vorsichtiger und achten mehr aufeinander. Was ist mit denen bloß verkehrt?

    Warum Regulierung oft das Gegenteil bewirkt

    Explizite Regulierung bringt vorrangig zwei Probleme mit sich. Erstens verliert man das Ziel aus den Augen und zweitens suggeriert es, man dürfe sich asozial verhalten, solange es nicht illegal ist. Was ist denn das Ziel von Regeln? Ein vernünftiger sozialer Umgang miteinander. Das ist etwas, was eigentlich jeder Mensch intuitiv spürt. Aber dieses Gespür geht verloren, wenn man mit der Einhaltung von Regeln beschäftigt ist.

    Und noch ein weiteres Problem ergibt sich indirekt aus der Regulierung. Um sie durchzusetzen, werden klassischerweise Kontrollinstanzen mit zentralisierter Macht erschaffen. Man braucht Individuen, die den Stecker ziehen können, wenn etwas schief geht. Damit schafft man aber auch gleichzeitig Individuen, die auch jede/r andere vergleichsweise günstig unter Druck setzen oder Bestechen könnte, um das komplette Spiel zum persönlichen Vorteil zu drehen – Gamestop lässt grüßen.

    Was also tun mit dem Krypto-Space?

    Am besten nichts. Wenn es auf Banken- und Staatenseite wirklich ein ehrliches Interesse an der Erhöhung der Sicherheit im Krypto-Bereich gäbe, sollten diese sich am besten fernhalten – das zumindest zeigen die aktuellen Daten. Solange sich da nichts ändert, sollte der Krypto-Space seinerseits jeden noch so gutgemeinten Regulierungs-Vorstoß aus dem Fiat-Space pauschal abblocken mit einem freundlichen „Go regulate yourself“.

    Selbst verständlich ist Nichts-Tun nicht die Lösung, um Kriminalität zu verhindern, und Gesetze sind nicht grundsätzlich schädlich. Aber das oberste Ziel aller ist das ethisch wünschenswerte und eigenverantwortliche Handeln jedes einzelnen. Und das scheint der Krypto-Space aktuell auch ohne drastische Regulierung besser hinzubekommen. Vielleicht könnte sich der Fiat-Space ja mal beraten lassen…

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    Titelbild: Collage von 1E9

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