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    El Salvador setzt auf Bitcoin als Staats-Währung: Der holprige Start in die Zukunft

    Irgendwann sollen Bitcoin und Co. die klassischen Währungen beerben, so träumen es seit Jahren die Krypto-Fans. Mit El Salvador hat nun das erste Land der Welt Bitcoin zusätzlich zum US-Dollar als offizielle Währung anerkannt. Obwohl die Mehrheit der Bevölkerung dagegen ist. Die Regierung erhofft sich einen Investmentboom. Doch erstmal kam der große Schreck.

    Denn der von der Krypto-Gemeinde lange ersehnte Tag der Einführung lief längst nicht so rund, wie sich das wohl viele erhofft hatten. Technische Probleme mit der von der Regierung angebotenen Wallet-App, Proteste der Bürger und ein Crash des Bitcoin sorgten für viel Unruhe. Da half auch nicht, dass sich Fans erstmal mit dem ersten per Krypto gezahlten McDonald’s-Menü bei Twitter feierten.

    „Coole“ App und Geldgeschenke

    Dabei hatte die Regierung des mittelamerikanischen Landes viel dafür getan, der Bevölkerung die neue Währung ans Herz zu legen. Jeder Bürger erhielt einen Bitcoin-Betrag geschenkt, der einem Wert von 30 Dollar (etwa 25 Euro) entspricht. Dazu gab es mit der App Chivo (lokaler Begriff für „cool“) eine eigene Anlaufstelle, bei der die Salvadorianer ihre Coins aufbewahren können. Mit einem System von 200 Bitcoin-Kiosks und Geldautomaten will man die Eintrittshürde weiter senken.

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    Doch funktioniert hatte das schon an Tag 1 nicht so richtig. Die App, die man ja zwingend zur Anforderung des Einstiegsgeldes brauchte, war in keinem der bekannten App-Shops zu finden, erst später am Tag tauchte sie bei Apples App Store und in Huaweis App Gallery auf. Doch unter dem großen Zulauf brachen die Registrierungsserver zusammen. Und auch die Geldautomaten, bei denen man sich die Bitcoin in die weiter gültige De-Facto-Landeswährung US-Dollar umtauschen konnte, waren wohl vielerorts defekt.

    Keine Mehrheit für Bitcoin

    Die Stimmung der Bevölkerung gegenüber der Maßnahme dürfte das kaum verbessern. Im Juni war der Schritt recht überraschend von Präsident Nayib Bukele bei einem englischsprachigen Gespräch auf einer Messe in Florida angekündigt worden, wenige Wochen später wurde das entsprechende Gesetz beschlossen. Und kam eher schlecht an: In einer Studie der Universität von Zentralamerika erklärten 68 Prozent der Befragten, dass sie die Einführung nicht unterstützen. Das mag auch an einer anderen Zahl liegen: nur 4,8 Prozent der Befragten wussten, was Bitcoin ist und für was man es benutzt.

    Das sei auch im Alltag bemerkbar. „Ich habe Bitcoin jetzt seit zwei Monaten akzeptiert, seit sie es angekündigt haben“, erklärte Taxifahrer Daniel Hercules gegenüber der „BBC“. „Gerade hat einer eine Fahrt zum Flughafen mit 40 Dollar in Bitcoin gezahlt. Aber es ist sehr selten.“ Das Geld, das er so einnimmt, sieht er eher als Sparbuch an. Die Kosten für die Konvertierung in Bargeld seien mit zehn Prozent einfach zu hoch, erklärt er. Gleichzeitig habe er Angst davor, dass die Währung einbreche. „Das beschäftigt mich sehr. Das Geld langer Arbeitstage zu verlieren, wäre für mich nicht akzeptabel.“

    Start mit einem Crash

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    Tatsächlich kam es gleich am Dienstag zum ersten Crash. Die Regierung hatte angekündigt, 400 Bitcoin im Wert von 17,5 Millionen Euro einzukaufen. Um das Versprechen des Einstiegsgeldes zu erfüllen, müssten insgesamt knapp 170 Millionen Euro investiert werden. Das hatte die Preise für Krypto-Währungen kurz vor dem Start nach oben getrieben. Als es dann losging, ging der Kurs steil nach unten. Fast 20 Prozent hatte der Bitcoin zwischenzeitlich verloren, nach einer leichten Korrektur nach oben liegt der Verlust noch immer bei knapp 10 Prozent. Kein Wunder also, das sich viele Salvadorianer davor fürchten, die Landeswährung könne einbrechen. Und deshalb am Dienstag in Massen auf die Straße gingen.

    Bei den Protesten formen sich unerwartete Allianzen. Hunderte Veteranen des Bürgerkrieges in den Achtzigern standen im August gemeinsam gegen die Krypto-Landeswährung auf den Straßen, Ex-Militärs und marxistische Guerillas standen Seite an Seite, um für eine Absicherung der Renten gegen einen Bitcoin-Crash zu demonstrieren. „Das ist ein ökonomisches Abenteuer“, sagte der ehemalige Guerilla Juan Manuel Pineda dem „Wall Street Journal“. Und wies auf ein ganz grundlegendes Problem der digitalen Landeswährung hin. „Wie sollen wir Bitcoin benutzen, wenn wir nicht mal Smartphones haben oder uns einen Internetzugang leisten können?“

    Kein Massenphänomen

    „Ich denke, der Hauptnutzen in El Salvador wird es sein, den Zweck von Überweisungen zu übernehmen und Geld zu sparen“, erklärte der Chef-Ökonom der Datenplatfform Cainalysis, Philip Gradwell, gegenüber „CNBC“. Tatsächlich haben bislang nicht einmal die Hälfte der Bürger ein Bankkonto, ein Großteil der Wirtschaft wird in Bargeld abgewickelt. „Bitcoin ist nicht wirklich als Zahlungsmittel ausgelegt“, ist Gradwell überzeugt.

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    Tatsächlich glauben selbst manche Krypto-Fans, dass die Regierung über die Währung mehr Einblicke in die Wirtschaft bekommt als vorher. „Man gibt alle seine Daten der Regierung, alle finanziellen Bewegungen, was hineingeht und was hinaus“, erklärt der Betreiber eines Onlinehandels, Oswaldo Serrano, gegenüber dem „Wall Street Journal“ seine Befürchtungen zur zentralen Abwicklung über die Regierungs-App Chivo.

    Auch mit dem klassischen Bankensystem könnte es Probleme geben. Jedes Jahr schicken salvadorianische Einwanderer aus den USA knapp 5 Milliarden Euro in die Heimat. Das soll nun auch in Bitcoin möglich sein. „Weil El Salvador nun zwei Währungen hat, kommt die Frage auf, ob das Bitcoin-Ökosystem seine Dollar nun aus El Salvador bekommen wird. Und ob die USA damit einverstanden sind“, erklärt ein Topmanager einer Investmentbank dem „Journal“.

    Schaut man in den sozialen Medien, finden sich aber auch zahlreiche optimistischere Beiträge. Vor allem in der Krypto-Gemeinde ist die Freude groß. „Ich bin gerade zu McDonald’s gegangen, um zu schauen, ob ich in Bitcoin zahlen kann“, twitterte etwa Aaron van Widun. „Ehrlich gesagt, hatte ich nicht damit gerechnet. Aber tatsächlich druckten sie mir einen QR-Code aus, über den ich zahlen konnte. Jetzt genieße ich mal mein Frühstück.“ Andere filmten sich beim Bezahlen bei Star Bucks oder Pizza Hut. Enthusiast Jack Mallers feierte den Präsidenten und seine Entscheidung regelrecht. „Es ist ein kleiner Schritt für Bitcoin, aber ein gigantischer Sprung für die Menschheit.“

    Quellen:Wall Street Journal, BBC, CNBC, Twitter

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